Veranstaltungsbericht zum Vortrag von Leonie Freudenfeld: NS-Zwangsarbeit in Tübingen – Ein Blick auf vergessene Schicksale
Etwa 35 Interessierte kamen am Abend des 11. Dezember 2025 im Salzstadel zusammen, um an der Vorstellung der Forschungsergebnisse des Arbeitskreises NS-Zwangsarbeit teilzunehmen. Die Referentin Leonie Freudenfeld stellte die Ergebnisse eines achtmonatigen Forschungsprojekts vor, in dem sie Quellen zur NS-Zwangsarbeit in Tübingen auswertete.
Leonie Freudenfeld studierte Geschichtswissenschaft und Empirische Kulturwissenschaft in Tübingen und engagierte sich währenddessen bei der Jungen Geschichtswerkstatt Tübingen. Derzeit absolviert sie ihren Masterstudiengang Public History an der Universität Bochum.
Zwangsarbeit während der NS-Zeit
Bereits kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden tausende Kriegsgefangene und Zivilist*innen von den Nationalsozialisten zwangsrekrutiert. Bis 1945 mussten insgesamt 13,5 Millionen Menschen Zwangsarbeit im Deutschen Reich leisten. Für die NS-Kriegswirtschaft war ihr Einsatz essenziell, da immer mehr Männer an die Front eingezogen wurden und so Arbeitskräfte fehlten. Besonders in der Rüstungsindustrie und in der Landwirtschaft wurden Menschen benötigt, um diese Lücken zu schließen.
In den besetzten Gebieten baute der NS-Staat dafür systematisch Rekrutierungsstrukturen auf. Eine zentrale Rolle spielten Arbeitsämter, die häufig zu den ersten eingerichteten Behörden gehörten. Sie erfassten die Bevölkerung und waren für die Zuweisung von Arbeitskräften zuständig. Allein in Polen existierten bis Oktober 1939 bereits 115 Arbeitsämter.
NS-Zwangsarbeit in Tübingen
Auch in Tübingen wurden Zwangsarbeiter*innen eingesetzt, die überwiegend über das Arbeitsamt Reutlingen rekrutiert wurden. Zeitweise war etwa jeder zwanzigste Einwohner der Stadt ein ausländischer Zwangsarbeiter oder Zwangsarbeiterin. Die Zahl der eingesetzten Menschen wird auf zwischen 1.600 und 2.900 geschätzt, bekannt sind jedoch nur die Namen von mindestens 1.099 Personen. Aufgrund der lückenhaften Überlieferung lassen sich heute keine exakten Zahlen mehr ermitteln.
Zwangsarbeiter*innen arbeiteten in Tübingen in zahlreichen Bereichen: in großen Unternehmen wie Himmelwerk, Kemmler oder Zanker, aber auch in kleinen Handwerksbetrieben, Hotels, Geschäften oder in Gärtnereien. Auch die Stadt selbst setzte Zwangsarbeiter*innen ein, etwa beim Bau des Luftschutzstollens. Zudem war sie an der Unterbringung beteiligt und betrieb fünf städtische Lager. Daneben existierten im gesamten Stadtgebiet weitere Lager: Unternehmen errichteten insgesamt 25 Lager für zivile Zwangsarbeiter*innen, hinzu kamen sechs Lager für Kriegsgefangene.
Tübingen als Arbeitsort
Foto: Johann Dreyschütz / Gebrüder Metz, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0
Ein zentraler Teil der Forschung von Leonie Freudenfeld widmete sich den individuellen Lebensgeschichten der Menschen, die in Tübingen Zwangsarbeit leisten mussten. Anhand ausgewählter Biografien zeigte sie, wie unterschiedlich deren Lebens- und Arbeitsbedingungen waren.
So war etwa Mieczylaw Pomorski im sogenannten „Polenlager“ in der Pfrondorfer Straße 1 in Lustnau untergebracht und musste mit weiteren Männern im städtischen Forst schwere Arbeit im Holzfällerkommando leisten. Wladyslaw Gnutek kam im Alter von 19 Jahren nach Tübingen; zwei Jahre später folgten seine Schwestern Michalina und Helena. Sie arbeiteten auf dem Schwärzlocher Hof in der Feld- und Stallarbeit sowie im Haushalt, unter harten Bedingungen und mit langen Arbeitstagen.
Der Franzose Jacques David kam über die französische Dienstpflicht nach Deutschland und arbeitete bei der Firma Erbe, einem Hersteller elektromedizinischer Geräte. Durch eine bereits bestehende persönliche Beziehung zur Unternehmerfamilie konnte er vergleichsweise frei leben. Auch nach dem Krieg blieb der Kontakt zwischen den Familien bestehen.
Das Baustoffunternehmen Pflumm & Kemmler setzte wohl 30 bis 40 Zwangsarbeiterinnen aus verschiedenen Ländern ein, darunter die polnische Familie Wajda. Sie lebten in einer kleinen Baracke und arbeiteten in unterschiedlichen Bereichen des Unternehmens. Auch ihr Alltag war von harter körperlicher Arbeit und unzureichender Versorgung geprägt. Weitere Beispiele waren das Ehepaar Zofia und Marian Przybylowicz, die bei der Himmelwerk AG arbeiteten, sowie die Brüder Michalak, die zur Arbeit bei der Reichsbahn gezwungen wurden. Diese unterhielt in Tübingen drei Lager und setzte insgesamt 171 Zwangsarbeiter*innen ein.
Nach 1945
Nach dem Ende des Krieges war die Situation für viele ehemalige Zwangsarbeiterinnen von Chaos und Ungewissheit geprägt. Während französische Zwangsarbeiter*innen relativ schnell repatriiert wurden, war die Lage für osteuropäische Betroffene deutlich schwieriger. Neue Grenzziehungen, ungeklärte Staatsangehörigkeiten und lange Wartezeiten erschwerten die Rückkehr. Aus Angst vor politischen Repressionen kehrten viele Pol*innen nicht in ihre Herkunftsländer zurück. In Tübingen entstanden mehrere DP-Lager für sogenannte „Displaced Persons“.
Die gesellschaftliche und politische Aufarbeitung der NS-Zwangsarbeit setzte erst spät ein. Erst ab den 1970er-Jahren erhielten Betroffene erste Zahlungen, häufig jedoch erst nach Jahrzehnten. In den 1980er- und 1990er-Jahren führte wachsender öffentlicher Druck zu weiteren Schritten. Die Stiftung EVZ („Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“) zahlte schließlich Entschädigungsleistungen in Milliardenhöhe. Ehemalige Tübinger Zwangsarbeiter*innen besuchten die Stadt erstmals 1991 und 2001. Im Jahr 2001 erhielten sie symbolisch jeweils 5.000 DM. Eine umfassende formelle Entschädigung bleibt bis heute aus.
Diskussion
Nach der anschließenden Diskussion hatte das Publikum die Möglichkeit, der Referentin Fragen zum Thema zu stellen. Dabei ging es unter anderem um die Täter: Das NSDAP-Mitglied und Stadtrat Max Stockberg, der ab 1940 als Vertreter von Dr. Ernst Weinmann agierte, sowie der Stadtoberamtmann Rudolf Hartter sind nur einige Personen, die als städtische Schlüsselfiguren an der Organisation der Zwangsarbeit in Tübingen beteiligt waren.
Fazit
Der Vortrag von Leonie Freudenfeld machte deutlich, wie allgegenwärtig NS-Zwangsarbeit auch in Tübingen war und wie unterschiedlich die Lebensrealitäten der betroffenen Menschen ausfielen. Die Aufarbeitung des Themas hat in Tübingen erst begonnen; viele Biografien sind unvollständig oder können heute nicht mehr erzählt werden. Umso wichtiger ist es, diese Leerstellen durch weitere Recherche und Erinnerungsarbeit zu füllen.
Mit dem Forschungsprojekt wurde bereits ein großer Schritt in die richtige Richtung gemacht. Die Arbeit der Geschichtswerkstatt Tübingen geht weiter.
Wir bedanken uns bei Leonie Freudenfeld für die Arbeit an dem Projekt und den sehr gelungenen Vortrag.