Filmvorführung und Gespräch zu „Lichter der Straße“ in Karlsruhe

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Filmvorführung und Gespräch zu „Lichter der Straße“ in Karlsruhe
Filmvorführung und Gespräch zu „Lichter der Straße“ in Karlsruhe

Filmvorführung und Gespräch zu „Lichter der Straße“ in Karlsruhe

Am Sonntag, dem 7. Dezember, zeigte die Kinemathek Karlsruhe e.V. den Dokumentarfilm „Lichter der Straße“ der Regisseurin Anna Friedrich. Die Veranstaltung entstand in Kooperation mit der Geschichtswerkstatt Tübingen e.V., der Gesellschaft für bedrohte Völker (Regionalgruppe Karlsruhe) sowie dem Zentralrat der Jenischen in Deutschland e.V.

Unterwegssein im Fokus - der Film „Lichter der Straße"

Der Film widmet sich dem Unterwegssein, einer Lebensweise, die in einer von Sesshaftigkeit geprägten Gesellschaft oft unsichtbar bleibt. Mit poetischen Texten und eindrücklichen Bildern folgt Anna Friedrich vier Frauen, die aus unterschiedlichen Gründen unterwegs sind. Dabei stellt der Film grundlegende Fragen: Was heißt es heute, in Deutschland nomadisch zu leben? Wie werden Menschen wahrgenommen, die das Unterwegssein dem Sesshaften vorziehen? Und mit welchen Vorurteilen sind sie konfrontiert?

Neben der Wandergesellin Magdalena, die sich auf der Walz befindet, begleitet der Film Johanna, die seit Jahren in einem umgebauten Lkw auf Wagenplätzen lebt und politisch aktiv ist. Zwei weitere Protagonistinnen sind Elwera, eine ehemalige Hochseilartistin, und ihre Enkelin Ghislaine. Beide gehören zur Gemeinschaft der Jenischen und ziehen von Markt zu Markt.

Die Jenischen - ein unsichtbares fahrendes Volk

Die Jenischen sind „eine eigenständige, transnationale ethnische Minderheit mit eigener Sprache, Kultur und Tradition“ (Zentralrat der Jenischen e.V). Ihre Geschichte ist eng mit einer fahrenden Lebensweise verbunden, welche sich auch in den traditionellen Berufen und Gewerben zeigt: u. A. als Marktfahrer, Schausteller, Artisten, Musiker, Korbflechter, Pfannenflicker und Scherenschleifer waren Jenische seit dem Mittelalter unterwegs.

Aufgrund ihrer von der Mehrheitsgesellschaft abweichenden Lebensweise waren Jenische stets Diskriminierung und Ausgrenzung ausgesetzt. Bereits seit dem ausgehenden Mittelalter wurden sie als „vogelfrei“ verfolgt. Während des Nationalsozialismus verschärfte sich ihre Situation: Als „Zigeuner“, „Zigeunermischlinge“ oder „Asoziale“ wurden Jenische verfolgt, inhaftiert, zwangssterilisiert und ermordet. Der Mediziner und Rassenhygieniker Robert Ritter, der ab April 1933 an der Universitätsnervenklinik Tübingen tätig war, beschäftigte sich in seiner Habilitationsschrift „Ein Menschenschlag“ mit den Jenischen und leitete später die sogenannte „Rassenhygienische Forschungsstelle“ in Berlin. Seine diskriminierenden, pseudowissenschaftlichen Konstruktionen wirkten über 1945 hinaus fort und wurden unter anderem von Hermann Arnold weitergeführt und bis in die 1970er Jahre hinein von Polizei und Verwaltungen genutzt.

Die Jenischen heute

Viele Jenische sind heute sesshaft - nicht zuletzt durch restriktive Gesetze und Verordnungen und verschweigen aus Angst vor Diskriminierung ihre jenische Herkunft. Die Lebensweise, Traditionen und Sprache sind heute vom Verschwinden bedroht. Der Zentralrat der Jenischen in Deutschland, gegründet 2019, setzt sich für den Erhalt der jenischen Kultur und Lebensweise ein und fordert die Anerkennung der Jenischen als fünfte nationale Minderheit in Deutschland. Bislang wird diese Anerkennung von der Bundesregierung abgelehnt; lediglich in der Schweiz sind Jenische offiziell als Minderheit anerkannt.

Filmgespräch zum Film "Lichter der Straße"

Im anschließenden Filmgespräch diskutierten Anna Friedrich (Regie), Renaldo Schwarzenberger (Zentralrat der Jenischen in Deutschland e.V.) und Jessica Reichert (Geschichtswerkstatt Tübingen). Ein besonderer Fokus lag auf der heutigen Sichtbarkeit der Jenischen und ihrem Kampf um gesellschaftliche und politische Anerkennung. Der Zentralrat arbeitet derzeit auf Grundlage mehrerer wissenschaftlicher Gutachten daran, diesen Prozess weiter voranzubringen.

Jessica Reichert, wissenschaftliche und pädagogische Mitarbeiterin der Geschichtswerkstatt Tübingen, brachte zudem eine persönliche Perspektive ein. Sie stammt selbst aus einer jenischen Familie und beschäftigt sich in ihrer Masterarbeit mit der Erinnerungskultur der Jenischen.

Weitere Informationen zum Film finden sich auf der Filmwebseite sowie auf Instagram. Der Trailer ist online verfügbar.