Grabert – ein extrem rechter Verlag

Ein Informations- und Aukflärungsprojekt.

Tübingen zählt seit Gründung der Universität bis in die Gegenwart aufgrund seiner vielfältigen Verlagslandschaft zu den Verlagsstädten. Zu vornehmlich akademischen Häusern gesellte sich in den 1950er Jahren auch ein rechtsextremes Flaggschiff: Der Grabert Verlag, der in den folgenden Jahrzehnten etliche geschichtsrevisionistische, NS-verherrlichende und antisemitische Hetzschriften verbreitete. Der Verlag ermöglichte zahlreichen Vertreter:innen der sog. Neuen Rechten eine Plattform und die Verlegerdynastie Herbert, Wigbert und Bernarrd Grabert wurde wiederholt wegen Verbreitung verfassungsfeindlicher Schriften und Volksverhetzung verurteilt. Etliche im Verlag erschienene Publikationen sind indiziert.

Von Beginn ihrer Gründung an beobachtete die Geschichtswerkstatt Tübingen e.V. die Aktivitäten des Verlags kritisch. Unermüdlich betrieben unsere Mitglieder Recherchen und Aufklärung gegen den unscheinbaren Verlag.

Geschichte des Grabert und Hohenrain-Verlages

Der ehemalige Universitätsdozent Herbert Grabert und spätere Gründer des Grabert-Verlags war in den 1920er und 1930er Jahren unter anderem im Kontext einer völkisch-nationalsozialistischen "Deutschen Glaubensbewegung" aktiv, die eine germanisch-neuheidnische, antichristliche und antisemitische "Dritte Konfession" für das "Dritte Reich" proklamierte, bevor Herbert Grabert den Nationalsozialismus selbst als Glaubensinhalt erkannte. Ab 1936 wirkte er als nationalsozialistischer Religions- und Kulturwissenschaftler und Historiker. Wegen der von ihm vertretenen Auffassungen konnte er seine Universitätskarriere nach 1945 nicht fortsetzen.

Im Rahmen seiner Lobbytätigkeiten für die Rehabilitierung ehemaliger akademischer NS-Verbrecher:innen und Ideolog:innen gründete der mit Berufsverbot belegte und noch immer bekennende Nationalsozialist Herbert Grabert 1953 den Verlag der Deutschen Hochschullehrer-Zeitung. Dieses Organ richtete sich an Personen, die, so wie er selbst, keine akademischen Stellen antreten durften. 1974 wurde der Verlag in Grabert Verlag umbenannt.

Seit den 1960er Jahren versuchten Verlag und Autor:innen strategisch, nationalistischem und völkisch-rassistischem Denken sowie antisemitischen Ressentiments neue Geltung zu verschaffen. Autor:innen der Grabert-Verlage leisteten unter anderem auch Beiträge zur Etablierung revisionistischer Geschichtsverfälschung. Deutsche Kriegsschuld und Holocaust werden relativiert oder geleugnet. Zu den einschlägigen Werken zählt etwa die deutsche Übersetzung des Buchs Der erzwungene Krieg. Die Ursachen und Urheber des Zweiten Weltkriegs. Der Britische Autor David L. Hoggan vertritt darin die haarsträubende These, dass Großbritannien und Polen den Zweiten Weltkrieg angezettelt hätten und Hitler lediglich defensiv auf ausländische Aggressionen reagiert hätte.

Die Herausgabe solcher Schriften blieb nicht unbemerkt: Bereits 1960 wurde Herbert Grabert für die Veröffentlichung des nicht minder obskuren Buch Volk ohne Führung (ebenfalls eine Übersetzung Hoggans) zur einer Freiheitsstrafe verurteilt. In den folgenden Jahrzehnten kam es immer wieder zu Indizierungen und Verurteilungen, die ideologische Ausrichtung des Verlagsprogrammes änderte sich aber nicht: Mit Wilhelm Stäglichs Der Auschwitz-Mythos (1979) oder Carl-Friedrich Bergs Buch Wolfsgesellschaft (1995) verfügte der Verlag über weitere Indizierungen, die jüngste stammt aus dem Jahr 2013, als die Führung des Verlagshauses von Wigbert an Bernhard Grabert in die dritte Generation überging. 2021 stellte der Grabert Verlag seine Tätigkeit nach eigenen Angaben bis auf weiteres ein.

Aktivitäten der Geschichtswerkstatt Tübingen e.V.

Mehrere Mitglieder der Geschichtswerkstatt Tübingen e.V. setzten sich unermüdlich mit dem Verlagsprogramm aus dem Hause Grabert inhaltlich auseinander. Sie trugen mit mehrere Publikationen, Vorträgen, Expertisen sowie einer Ausstellung zur umfassenden Aufklärung über das Demokratie schädigende Potential der durch den Verlag verbreiteten rechtsextremen und NS-verherrlichenden Ideologien bei.

Ausstellung

  • Braune Geschichtslügen aus Tübingen, 15. März bis 15. April 2011 im Gewerkschaftshaus Lichthof, Stuttgart.

Das Freie Radio Wüste Welle hat zur Ausstellung ein Feature aufgenommen, das man hier anhören kann.

Die Aussstellung kann über die Geschichtswerkstatt Tübingen e.V. ausgeliehen werden.

Publikationen

  • Martin Finkenberger & Horst Junginger (Herausgeber), Im Dienste der Lügen. Herbert Grabert (1901–1978) und seine Verlage (Aschaffenburg: Alibri, 2004).
  • Martin Finkenberger, "'Verfolgt' und 'Entrechtet'. Vom Interessenvertreter amtsenthobener Hochschullehrer zum rechtsextremen Geschichtsrevisionisten", in: Im Dienste der Lügen, S. 69-94.
  • Martin Finkenberger, "Geschichtsrevisionisten vor Gericht", in: Im Dienste der Lügen, S. 125-142.
  • Martin Finkenberger, "Herbert Garbert und der 'deutsche Bauernglaube' im Nationalsozialismus", in: Jahrbuch für Volkskunde NF 23 (2000), S. 51-76.
  • Martin Finkenberger, "Herbert Grabert. Religionswissenschaftler, Revisionist, Rechtsextremist", in: Universitätsarchiv Tübingen (Herausgeber), Bausteine zur Geschichte der Universität Tübingen Band 9 (1999), S. 55-100.

Vorträge

  • Philipp Reisinger & Lucius Teidelbaum, "Braune Geschichtslügen aus Tübingen. Rechtsextremismus als Geschäft. Der Tübinger Grabert-Verlag". 27. April 2010, 20:00 Uhr, Volkshochschule Tübingen.

Rechtsextreme Verlage heute

Der Tübinger Grabert-Verlag gehört zu den ältesten und bedeutendsten extrem rechten Verlagen der Bundesrepublik. Frühe Autoren des Grabert-Verlags hatten oft einen nationalsozialistischen Hintergrund, aktuelle Autoren wirken nicht selten als Ideologen oder Funktionäre extrem rechter Organisationen. Zu den Zielen des Hauses Grabert gehört es, eine revisionistische Geschichtsschreibung zu etablieren. Deutsche Kriegsschuld und Holocaust werden relativiert oder geleugnet. Es wird versucht, völkischen Konzepten und antisemitischen Ressentiments neue Geltung zu verschaffen.

Mit der Einstellung des Betriebs bei Grabert und Hohenrain ist allerdings das rechtsextreme Publikationswesen im deutschsprachigen Raum noch nicht zum Erliegen gekommen. Mit dem rechtspopulistischen Kopp Verlag im nahegelegenen Rottenburg hat sich mittlerweile ein Unternehmen mit sechstelligen Umsätzen etabliert. Auch dieses Verlagshaus vertritt in Schriften und Onlineformaten rechtsextreme und völkische Ideologien und verbreitet gezielt antidemokratische und menschenfeindliche Verschwörungsmythen. Mehrere Mitglieder der Geschichtswerkstatt Tübingen e.V. beobachten auch diese Aktivitäten und betreiben Aufklärung über rechtsextreme Netzwerke.

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